Meine eigenen Parallelwelten
Früher konnte ich morgens aufstehen und war nicht einfach nur ich. Ich war eine Figur, manchmal sogar mehrere an einem Tag, und jede hatte ihre eigene Stimme, ihre eigenen Gesten und eine Welt, die sich logisch anfühlte, obwohl niemand außer mir sie kannte. Es begann mit Linda und Susi, zwei Schwestern, die ihre Familie verloren hatten und trotzdem eine große innere Stärke hatten. Ich wusste, wie sie gingen, wie sie schwiegen, wie sie sich an den Händen hielten, wenn es dunkel wurde. Ich erfand Dialoge und ganze Szenen, als würde ich eine Serie drehen, nur ohne Kameras. Später kam Made dazu. Sie war ein Alien, ihre Mutter lebte im All, und trotzdem stand sie mit beiden Füßen auf der Erde. In meiner Vorstellung moderierte sie mit dreizehn eine eigene Show, hatte einen eigenen Kanal und studierte mit sechzehn Psychologie, weil sie Menschen wirklich verstehen wollte. Das klang für Erwachsene wahrscheinlich verrückt, für mich war es gelebte Realität.
Ich konnte stundenlang so bleiben, völlig versunken, völlig präsent. Ich hörte Applaus, roch Bühnenstaub, fühlte das Prickeln, bevor ein Vorhang aufgeht. Ich war nicht passiv, ich erschuf. Ich spielte nicht nur, ich lebte. Das Schöne daran war, dass ich dabei alle Gefühle zuließ. Trauer und Mut bei Linda und Susi. Neugier und Weite bei Made. Nichts davon musste funktionieren oder nützlich sein. Es war einfach mein Raum und meine Energiequelle. Ich musste niemandem erklären, warum das wichtig ist. Mein Körper wusste es längst. Dieses Spielen war eine Schule für Empathie, für Fantasie, für inneren Zusammenhalt. Erst viel später habe ich gemerkt, wie wertvoll das war. Damals war es selbstverständlich. Heute sehe ich darin eine Art stilles Training, das mich gelehrt hat, Gefühle bewusst zu betreten, anstatt sie zu beobachten. Genau das ist die Grundlage für alles, was ich heute über Kreativität, Heilung und bewusste Gestaltung des eigenen Lebens denke.
Wie die Tür leiser wurde
Mit den Jahren wurde diese Tür leiser. Nicht weil etwas falsch gelaufen wäre, sondern weil das Tempo des Alltags anders wurde. Schule, Termine, Leistung, Erwartungen. Plötzlich sollte ich funktionieren, und funktionieren verträgt sich nur selten mit freiem Spiel. Fantasie wurde zu Tagträumen erklärt, und Tagträume galten als Zeitverschwendung. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich rechtfertige, wenn ich nur davon erzähle, wie ich früher stundenlang Figuren gespielt habe. Dabei war genau das einmal meine reinste Energiequelle. Stattdessen begann ich, Energie im Außen zu suchen. Serien, Endlosschleifen in sozialen Medien, Einkäufe, kleine Belohnungen. Das gab kurz einen Kick, doch er verflog schnell.
Ich spürte immer klarer, dass mir nicht Unterhaltung fehlte, sondern ein Tor zu mir selbst. Ein Tor, das früher weit offen stand. Das eigentlich nie zuging, aber von Aufgabenlisten, Pflichten und dem Blick der anderen verdeckt wurde. Es ist interessant, wie sehr wir als Erwachsene auf Vernunft pochen, während unser Nervensystem nach Erleben, nach Sinnlichkeit, nach Schöpfung ruft. Wir halten uns für vernünftiger als früher, sind aber oft nur abgeschnitten von dem, was uns auflädt. In Wahrheit ist die Tür nicht verschwunden. Ich habe nur vergessen, wie man den Griff dreht. Wenn ich heute daran denke, wie ich früher stundenlang auf dem Teppich saß und als Made die Welt erklärt habe, dann spüre ich sofort wieder dieses warme Strömen im Bauch.
Eine kleine Erinnerung reicht, und etwas in mir wird weich. Das zeigt mir, dass die Fähigkeit nicht verloren ist. Sie braucht Raum, Zeit und den Mut, wieder albern zu sein, wieder zu fühlen, wieder zu erschaffen, ohne Ergebnisdruck. Sobald ich mir erlaube, nicht perfekt zu sein, wird die Tür hörbar. Sie knarrt am Anfang ein wenig, dann öffnet sie sich und ich bin wieder drinnen. Nicht als Flucht, sondern als Rückkehr zu mir.
Das Sakralchakra und die Kraft des Spiels
Wenn ich über diese Tür spreche, meine ich in Wahrheit meinen Zugang zum Körper, und ganz besonders zum Bereich, der für Lebenslust, Kreativität und Genuss zuständig ist. Das ist das Sakralchakra. Viele reduzieren es auf Sexualität. Natürlich gehört Sexualität dazu, doch das ist nur ein Teil des Bildes. Das Sakralchakra liebt alles, was lebendig ist. Berührung durch Musik, Farben, Düfte, Bewegung. Spiel mit Rollen, mit Stimmen, mit Kostümen, auch wenn es nur ein Tuch ist oder eine andere Haltung. Es liebt den Augenblick, in dem ich nicht bewerte, sondern zulasse. Früher habe ich mein Sakralchakra ununterbrochen genährt, ohne zu wissen, dass es so heißt. Ich sang, tanzte, erdachte Figuren, spürte sie in meinem Körper. Genau dadurch entstand Energie. Nicht die aufgeregte, nervöse Energie, die so schnell verpufft, sondern eine tiefe, warme Strömung, die trägt.
Heute sehe ich, warum viele Menschen Sex als Rettungsanker benutzen. Sie hoffen auf Nähe, auf Wärme, auf das Gefühl, endlich wieder etwas zu spüren. Manchmal funktioniert das, oft bleibt es aber ein kurzer Blitz. Spielen kann dasselbe System aufladen, und zwar länger, sanfter und freier. Wenn ich bewusst in eine Rolle gehe, schiebt sich mein Denken in den Hintergrund, mein Atem wird tiefer, meine Bewegungen runder. Ich fühle wieder. Meine Wahrnehmung wird weit, und ich bin nicht mehr Zuschauerin, sondern Gestalterin. Das ist der Moment, in dem das Sakralchakra zu leuchten beginnt. Nicht weil ich etwas Besonderes leiste, sondern weil ich mich wieder öffne.
Spiel ist kein Ersatz für Sexualität, es ist eine Schwester. Beide können Energie schenken, beide brauchen Präsenz und Ehrlichkeit. Im Spiel lerne ich, mich zu regulieren. Ich spüre, wann mein Körper ja sagt und wann nicht. Ich lerne, Freude zu halten, anstatt gleich weiterzuscrollen. Aus dieser inneren Fülle wird Nähe möglich, Kreativität wächst, und das Leben fühlt sich wieder nach Leben an.
Spielen als Schlüssel für das Gesetz der Anziehung
Wer mit dem Gesetz der Anziehung arbeitet, hört oft, dass Gefühl der Schlüssel ist. Denken allein reicht nicht. Affirmationen nützen wenig, wenn der Körper dabei kalt bleibt. Das klingt einfach, ist es aber nicht, wenn der Alltag hartnäckig im Kopf verankert ist. Genau hier beginnt die Magie des Spiels. Wenn ich eine Rolle bewusst wähle und sie mit meinem ganzen Körper betrete, dann erzeuge ich das Gefühl, das ich anziehen möchte. Nehmen wir die Lottomillionärin. Es geht nicht darum, Geld auszugeben, das ich nicht habe. Es geht darum, in die Haltung zu gehen, die ich mir wünsche.
Wie setze ich mich an den Frühstückstisch, wenn ich finanziell frei bin. Wie atme ich. Wie spreche ich mit dem Bäcker. Wie trage ich meinen Körper durch den Tag. Ich kann das leise und ganz für mich tun. Kein Theater, keine Show, nur ich und eine wache Aufmerksamkeit für meinen inneren Zustand. Nach einigen Minuten beginnt etwas zu kippen. Mein Nervensystem glaubt mir. Meine Schultern sinken, mein Blick wird weich, mein Schritt wird fest. Ich sende mir selbst das Signal von Sicherheit und Fülle. Genau das meint Gefühl. Nicht ein gedachtes Bild, sondern ein spürbarer Zustand. Mit einer Künstlerin funktioniert es genauso.
Ich setze mich an den Tisch, richte mir meinen kleinen Arbeitsplatz her, egal wie provisorisch, und verhalte mich so, als wäre es normal, dass Ideen kommen und ich sie umsetze. Dieses Als ob ist kein Selbstbetrug. Es ist Training. Es ist die Sprache, die mein Unterbewusstsein versteht. Je öfter ich diesen Zustand betrete, desto vertrauter wird er, und desto leichter kann das Leben Situationen an mich herantragen, die dazu passen. Ich muss nicht warten, bis im Außen alles stimmt. Ich darf heute spielen, fühlen, verkörpern. Aus dieser Haltung schreibe ich, kreiere und treffe Entscheidungen, die meine Richtung bestätigen. Genau darum geht es auch in meinem Buch. Nicht um große Worte, sondern um kleine, gelebte Szenen, die dich zurück in dein Gefühl bringen. Denn am Ende ist es immer dieselbe Frage, die die Tür öffnet.
Wen will ich heute spielen?

